Erfahrungsberichte
ehrenamtliche Begleitungen

Nur noch ganz flache Atmung, ab und zu ein Seufzer, eher ein Hauch davon Während der ganzen Zeit habe ich meine Hand auf die ihre gelegt und den Druck und die Bewegung etwas verändert. Die Hand war ganz spastisch gekrümmt, was meine Bemühung nicht einfach machte. Trotz des Morgens habe ich „Der Mond ist aufgegangen“ und „Weißt du, wie viel Sternlein stehen“ gesungen.
Das war ganz intuitiv. Zwei schmutzig vergilbte Bilder standen auf dem Nachttisch. Ich habe ihr erzählt, was ich darauf sehe. Bin auf ihre Tierliebe eingegangen und habe von unserem Hund erzählt. Trotz ihrer Schwerhörigkeit bin ich sicher, dass ich sie erreicht habe. Zwei Stunden später war Frau B tot.
Vielleicht hat sie diese intensive Zuwendung eines Menschen noch gebraucht, um vom irdischen Abschied zu nehmen? Ich weiß es nicht, aber es ging mir richtig gut. Das war alles stimmig für mich und ein Gespür von Fügung war dabei.

Haben Sie schon mal das Wort „bettmüde“ gehört? Mir hat die ehrenamtliche Sterbebegleitung von Frau P einen bunten Strauß neuer Wörter geschenkt.

Im Vorfeld hatte ich nur erfahren, dass Frau P an einem Hirntumor erkrankt und sehr eingeschränkt in ihrem Sprachvermögen ist und nun ihre letzte Reise im Hamburger Hospiz angetreten hatte. Als ich das erste Mal Frau P im stationären Hospiz besuchte, lugte sie verschmitzt unter ihrer Bettdecke hervor und hieß mich willkommen. Dann flüsterte sie Geheimnisvolles und Unverständliches. Ich hatte den Eindruck, sie suche ein Gespräch. Ich ließ mich einfach darauf ein, setzte mich zu ihr und übernahm ihre wunderbaren Wortkreationen. Ich glaube, wenn ein Dritter im Raum gewesen wäre, hätte es auf ihn seltsam gewirkt. Doch schnell begann ein „irrsinniger“ und sehr fröhlicher Austausch und ich merkte, dass ich hier genau richtig war.

In den darauffolgenden Wochen verschlechterte sich ihr Allgemeinzustand. Nun drehten sich unsere Gespräche oft um das „müde sein“. Und wieder und wieder erwies sich Frau P als grandiose Wortschöpferin. Wir tauchten ab in eine Welt, wo es Wörter wie „bettmüde“, „schlafmüde“ und „dunkelmüde“ gab. Bei manchen Besuchen waren ihre Worte aber auch sehr unverständlich. Dann versuchte ich ihrer Wortmelodie zu folgen und diese als Antwort meinerseits anzubieten. Wenn wir so miteinander flüsterten, verging unsere Zeit wie im Fluge.

Eine Zeit lang war es ihr wichtig, mir gute Wünsche mit auf den Weg zu geben. „Schlafen Sie gut und passen Sie auf, ne?“, „Ich wünsche Ihnen alles, alles Gute!“ Wir wünschten uns dann gegenseitig alles, alles Gute und ich bedankte mich nach jedem Wunsch bei ihr und sagte, dass ich mich über ihre lieben Wünsche sehr freue und dass sie eine sehr liebe Frau sei.

Die Begegnungen mit Frau P bescherten mir wunderbare Momente und berührten mich jedes Mal aufs Neue. Ich freute mich sehr darauf, sie hoffentlich ein weiteres Mal besuchen zu können. Beim letzten Besuch hielt Frau P meine Hand und sagte: „Danke die Hand.“ Ich hätte ewig bei ihr sitzen können!

Mein Besuch bei Frau G war wieder so schön und kurzweilig! Wir haben gemeinsam Einkäufe erledigt und waren eineinhalb Stunden mit Rollator unterwegs. Frau G hat mir viel aus ihrem Leben und ihre Einstellungen zum Leben erzählt. Sie öffnet sich zunehmend und lässt mich an ihren Gedanken und Gefühlen teilhaben.
Einige Male hat sie geweint. Das löst ihre innere Spannung und gibt ihr wieder neue Kraft, hat sie gesagt. Sie sagt stets, was sie denkt und fühlt Ihre Offenheit – gefällt mir. Hinter ihrer harten Schale verbirgt sich ein ganz weicher und sensibler Kern und das mag ich sehr an ihr. Am Ende meines Besuches nahm sie mich in den Arm und sagte: „Unsere Begegnungen machen mir sehr viel Freude. Es ist alles so menschlich.“

Ijeoma Agu, 40, Ehrenamtliche in der Hospizbetreuung
Aus Die ZEIT vom 28.7.2011, Nr. 31, Seite 61

Die Wochenzeitschrift Die ZEIT brachte in ihrer Ausgabe Nr. 31/2011 unter der Überschrift "Die Stützen der Gesellschaft" einen Artikel über den Stellenwert ehrenamtlicher Arbeit in der heutigen Gesellschaft. Dafür wurde u.a. eine ehrenamtliche Mitarbeiterin des Ambulanten Hospizdienstes interviewt. Hier ihr Statement, den vollständigen Artikel finden Sie hier.

Wache halten in den letzten Stunden Ich bin im politisch unruhigen Nigeria aufgewachsen, der Tod gehörte dort zum Alltag. Als ich zehn war, kam ich nach Deutschland, wo das Sterben tabuisiert wird. So suchte ich den ambulanten Hospizberatungsdienst, um zu helfen. Ich gehe zu den Sterbenden hin, entweder nach Hause oder ins Heim. Ich rede mit ihnen, betreue die Angehörigen und halte Sitzwache während der letzten Stunden. Manchmal bin ich einen Monat lang bei ihnen, einmal waren es zwei Jahre. Nichts ist für die Ewigkeit, das erlebe ich immer wieder. Ich nehme nichts mehr für selbstverständlich, versuche in Demut zu leben. Es gibt viele Menschen, die allein sterben müssen. Es wäre toll, wenn sich mehr Leute Zeit für sie nähmen. Diese Arbeit muss ehrenamtlich sein, weil es um Menschlichkeit geht. Im Hospiz bin ich einfach Mensch. Wie soll man das bezahlen?

Die 89-jährige Frau S ist dement In ihrer Welt empfängt Frau S viele Gäste – ich gehöre darunter zu den wenigen, die noch am Leben sind. Frau S kam mir heute mit ihrem Rollator entgegen. Sie wirkte extrem „grau“, hatte eine fahle Gesichtsfarbe und wenig Energie. Es gehe ihr nicht gut und sie wolle nicht im Heim sein, sagte sie mir.

Wir haben uns in eine der Sitzgruppen auf dem Flur gesetzt In unserem Gespräch drehte sich alles um „Mama“: Sie habe Mama in den letzten zwei Wochen öfters getroffen. Mama habe ihr gesagt, dass sie bald bei ihr bleiben könne. Mama scheint Frau S eine Menge Ratschläge zu geben, wie sie ihr jetziges Leben meistern und auch „aushalten“ kann. Mama gibt Frau S viel Trost und im Gespräch blühte Frau S sogar wieder ein bisschen auf. Ich mag diese Gespräche über „Mama“ sehr. Es fühlt sich an, als könne ich an diesem tröstlichen Moment teilhaben und Zuversicht entwickeln, dass auch ich/wir alle unter „Mamas Schutz“ unseren Weg zu Ende gehen können. Und ich habe auch festgestellt, dass ich in letzter Zeit mehr Geduld und Wertschätzung für meine Mutter aufbringen kann. Wir alle profitieren sehr von „Mama“ ... (Begleitbericht ambulant, Pflegeheim).

Ich hatte mit Frau K wieder einen wunderschönen Nachmittag mit viel Gesprächsstoff und wir hatten viel Spaß miteinander. Es ist mit Frau K einfach nur schön und wir freuen uns beide immer riesig auf unseren Montag. Wir können über ernste Themen genauso sprechen wie uns kaputt lachen. Das Knuddeln wird zwischen uns zur Normalität und in meinen Armen spüre ich die Zerbrechlichkeit und gleichzeitige innere Kraft dieser wunderbaren alten Dame. Frau K ist ein bleibendes Vorbild für mein eigenes Alter und mein Sterben. Sie lebt in wunderbarer Weise vor, dass man im Angesicht des Todes durchaus ein lebenswertes Leben führen und im Rahmen der Möglichkeiten noch am Leben teilhaben kann. Danke für das wunderbare Geschenk dieser Begleitung.

Zwischen Frau M und mir ist eine intensive, herzliche Bindung in dieser ehrenamtlichen Hospizbegleitung entstanden. Ich bin froh um diese Begleitung! Ich glaube, Frau M empfindet das ähnlich. Meine Besuche sind dadurch gekennzeichnet, dass wir uns viel erzählen. Ich bin zwar eher zurückhaltend, aber Frau M fragt schon nach, wie es in meinem Leben aussieht. Mich bereichert unser Zusammensein sehr. Es erfüllt mich mit Freude, zu Frau M eine Verbindung zu haben, bei der wir über so vieles sprechen können, was in ihrem Leben wichtig und wertvoll war und ist. Wir teilen auch schwere Momente. Bei meinem letzten Besuch lag ihre Freundin im Sterben. Im Sterbezimmer, in das Frau M mich sofort lotste, herrschte allerlei Trubel und man war in Erwartung eines Krankenwagens. Mir erschien die Situation grenzwertig. Frau M nahm meine Hand, ich nahm ihre, wir schwiegen und schauten uns immer wieder an. Trotz der vielen Menschen war eine solche Stille zwischen uns. Frau M sagte immer wieder: Sie schaut nicht gut aus ... sie konnte aussprechen, was ich spürte.

... Ich fühlte mich überfordert und als das Zimmer sich endlich leerte, war ich froh. Mein Blick aufs Altern und die Lebenswelt Älterer im Pflegeheim hat eine neue Perspektive bekommen. Unsere Gegensätze „Jung und Alt“ prallen hier aufeinander. Die Frage, wie wird es im Alter bei mir aussehen, wenn Bedürftigkeit und Unterstützung meine Freiheitsgrade bestimmen, bewegt mich. Frau M jedenfalls lebt ihr Alter recht autonom und daraus kann ich Kraft ziehen. Trotz ihrer 95 Lebensjahre lebt sie lebendiger und mehr in der Realität als ich! Sie lebt in der Klarheit des Moments und will dem, was ihr begegnet, nicht mehr ausweichen! Welch ein Geschenk für mich!

Was zunächst überraschen mag: Unsere ehrenamtliche Mitarbeit beginnt mit der Arbeit an und in uns selbst. Wir setzen uns intensiv mit der eigenen Biografie und dem Erleben und Bedürfnissen von Schwersterkrankten, Sterbenden und Angehörigen auseinander. Dieser Lern- und Reflexionsprozess macht viel Freude, ist spannend und zuweilen herausfordernd. Während wir unsere eigne Persönlichkeit entfalten, brauchen und gewinnen wir seelische Stabilität und vertiefen unsere Lebensfreude. Als beglückend erleben wir auch das Zusammenwachsen der Gruppe und das Aufbauen neuer Freundschaften. Dieser Zusammenhalt trägt uns durch die spätere Arbeit.



Im Praktikum erleben wir uns erstmals im Kontakt mit schwersterkrankten oder hilfsbedürftigen Menschen. Wir vertiefen unser Gespür, wo unserer Fähigkeiten und wo unsere Grenzen liegen. Das ist hilfreich für die Frage, an welchen Stellen ich Unterstützungsbedarf habe und welche Begleitung zu mir passt.



Durch das intensive Kennenlernen im Kurs und eine Mitarbeiterkartei wissen die Hospizkoordinatorinnen, über welche zeitlichen Möglichkeiten, spirituellen oder weltanschaulichen Hintergründe und besondere Fähigkeiten wir verfügen. Auch die bevorzugten Einsatzgebiete oder bestimmte Einschränkungen (Tierhaarallergie, Raucherhaushalt…) sind bekannt. So können wir uns darauf verlassen, eine Begleitung angeboten zu bekommen, die zu uns und unseren Möglichkeiten passt.
Begleitanfragen über die Koordinatorinnen treffen plötzlich ein. Manche erfordern unsere Spontaneität und Flexibilität, wenn wir uns auf eilige Bedürfnisse des Hilfesuchenden einstellen müssen. Von den Koordinatorinnen erfahren wir, wer, wo auf uns wartet: Erkrankter, Angehöriger oder Familie, Mann oder Frau, jung oder alt, voraussichtlich lange oder kurze Begleitung... Auch der gesundheitliche Zustand und zu beachtende Besonderheiten und Bedürfnisse werden besprochen. Sofern wir im ambulanten Hospizdienst aktiv sind erfahren wir auch den Einsatzort: Zuhause, im Pflegeheim oder im Krankenhaus.



Durch unseren Besuch lernen wir die Anfragenden persönlich kennen, auf Wunsch im Beisein der Hospizkoordinatorin. Die in der Schulung erworbene Haltung und die Besonderheit der Situation ermöglichen einen spontanen, herzlichen Zugang zu dem hilfesuchenden Mitmenschen. So wächst schnell ein Vertrauensverhältnis, welches auch in schweren Tagen Halt gibt und entlastet. Beim ersten Kennenlernen erfragen wir, was in den nächsten Tagen, Wochen und Monaten wohl gebraucht werden wird und vereinbaren weitere Termine.



Was schützt uns davor, in eine Überlastung zu kommen? Wir begleiten immer als Team, bestehend aus einem oder zwei Ehrenamtlichen und dem hauptamtlichen Team. Wesentliches Kommunikationsmittel ist unsere Dokumentation nach jedem Kontakt, die das Hauptamt umgehend beantwortet. Hier erhalten wir beispielsweise hilfreiche Informationen, Tipps, ermutigende Worte und vor allem Anregungen für eine vertiefte Selbstreflexion. Persönlich, per Mail, Fax oder Telefon gelingt die Verständigen leicht und schnell.

Daneben unterstützen wir Ehrenamtlichen uns gegenseitig in der regelmäßig stattfindenden Inter- und Supervision. Hier ist auch Zeit und Raum, sich mit Ritualen von abgeschlossenen Begleitungen innerlich zu verabschieden. Fortbildungswünsche (auch mehrtägige) werden aufgegriffen, organisiert und i.d.R. finanziert. Auch hier haben wir die Möglichkeiten, das Erlebte zu verstehen, zu verarbeiten und unsere Möglichkeiten zu erweitern.



Einmal jährlich finden Seminartage statt, die uns stärken, inhaltlich weiterbringt und natürlich Freude machen. Neben der Hospizarbeit treffen wir uns zu Ausflügen und zum Sommer- und Weihnachtsfest. So setzen wir auch unser Bedürfnis nach sozialen Kontakten und schöner Freizeitgestaltung um.



Resümee: Durch die Teilnahme am Kurs und durch unsere Tätigkeit sind wir keine besseren Menschen geworden! Aber wir sind in einen lebenslangen Lernprozess eingestiegen, der es uns ermöglicht, achtsam im bewussten Kontakt mit unseren Gefühlen, Gedanken und Schlussfolgerungen zu kommen. Wir bekommen ein Gespür dafür, was im Leben wirklich wichtig ist. Unsere Grenzen und Schwächen müssen wir nicht mehr verstecken, ebenso wenig unsere Talente und Fertigkeiten. Und vielleicht haben sich Lebensfreude, Dankbarkeit, Humor und Demut vertieft.

Und wenn wir sterbende und angehörige Mitmenschen kompromisslos nach deren Wertvorstellungen begleiten, leben wir diese Erkenntnisse und geben weiter, was wir erfahren durften. Einen wohltuenden einfühlsamen und respektvollen Umgang im Hospiz, der für neue Erkenntnisse öffnet, der zu weilen tröstet und immer stärkt.

Erfahrungsberichte
Treffpunkt Hospiz

Liebe Hospizmitarbeiter, letzte Woche ist eine liebe Freundin nach langer Krankheit dann doch sehr plötzlich verstorben ...ich erlebe die Zeit danach, die Gespräche, den Austausch von Erinnerungen, das gemeinsame Organisieren mit den Angehörigen – „was passiert mit dem Hund, was mit dem dementen Lebensgefährten, wie organisieren wir die Bestattung???“... - trotz der Traurigkeit als so friedlich, wohltuend, nährend... Ich glaube, das hat damit zu tun, dass ich durch Vorträge und Veranstaltungen in Ihrem Hospiz weniger Berührungsängste habe, Sicherheit spüre und bereits eine andere Haltung zu Sterben und Tod entwickeln konnte. So melde ich mich heute zum nächsten Vortrag bei Ihnen an…

Liebes Hospiz, ich war unter den Teilnehmerinnen der gestrigen Veranstaltung „Von der Verschiedenheit der Toten“ und möchte mich ausdrücklich für diesen hochinteressanten und mich bereichernden Abend bedanken. Ich arbeite selbst seit fast 15 Jahren als ehrenamtliche Hospizbegleiterin und durfte schon Vieles erfahren. Doch gestern erhielt ich so viele Bestätigungen, aber auch Deutungen meiner Erlebnisse, dass ich mich bereichert fühle und Manches neu verstanden habe. Danke für Ihre Bildungsarbeit!

Sexualität in Zeiten der Trauer? Vielen Dank, dass Sie das Thema als Vortrag aufgreifen! Dieses Thema hat uns als Eltern mit Verlust eines Kindes sehr bewegt, da es in Gruppen und Trauerseminaren überhaupt keinen Raum hatte. Trotz Ansprache darauf wurde es auch nicht aufgegriffen. Das ist jetzt 20 Jahre her und umso erfreuter bin ich über Ihren Ansatz und Mut dazu, das Tabu anzugehen. Denn gerade die hohe Scheidungsrate zeugt davon, wie verschieden sich der Umgang in der Trauer mit den partnerschaftlichen Veränderungen und Bedürfnissen entwickelt, leider auch oft in gegensätzliche Richtungen.

Liebes Hamburger Hospiz, Ihre Veranstaltung „Sexualität in Zeiten der Trauer“ war eine ganz tolle, berührende und nachhaltige Veranstaltung mit einem (be-)greifbaren, sympathischen und authentischen Referenten. Der Abend war für mich ein weiterer kleiner Schritt, mich in meinem Vorhaben, ein Ehrenamt im Hospiz aufzunehmen, zu bekräftigen! Ich habe mir zwar das Programm mitgenommen, würde mich jedoch sehr freuen, von Ihnen in den E-Mail-Verteiler aufgenommen zu werden. Ich freue mich sehr auf weitere Veranstaltungen im Hamburger Hospiz e.V..

Liebe Hospizmitarbeiter, im Rahmen meiner Ausbildung habe ich zusammen mit unserer Ausbildungsgruppe das Hamburger Hospiz besuchen dürfen. Vortrag, Führung durch das Hospiz und das Beantworten zahlreicher Fragen füllten schnell zwei Stunden aus. Dabei hat mich die Atmosphäre in Ihrem Hospiz tief „berührt“. Seinen Frieden machen, sich mit dem Tod aussöhnen sind die Impulse, die nach diesem Besuch in mir hochkamen. Wir sind alle Reisende in diesem Universum mit ungewissem Ziel und in jedem Augenblick. Vielen Dank für diese kostbare Erfahrung!

Erfahrungsberichte stationäres Hospiz

„Ich hatte überhaupt keine Vorstellung, was auf mich zukommt. Aber ich bin mehr als angenehm überrascht von der liebevollen Betreuung. Es wird viel Rücksicht auf meine Belange genommen. Alle Kontakte finden hier auf Augenhöhe statt. Und ich habe mit Vielen wunderbare Gespräche. Diese Begegnungen sind ein kleiner Ausgleich dafür, dass meine Freunde mich nicht besuchen können. Sie leben nicht in Hamburg.

Überaus erfreut bin ich auch über die Anwendung von Naturheilverfahren. Zu meinem Ankommen und Wohlfühlen trägt bei, dass ich persönliche Dinge, wie Teppiche und meine Dekoration, mitbringen konnte. Ich liebe meine Bilder und Fotografien und die Unmengen an Büchern, die ich bis spät in die Nacht verschlinge. So ist das Beste aus der Situation geworden.

Zurzeit lese ich am liebsten Biografien. Ich bekomme Päckchen aus Berlin mit Lesestoff und Buchpakete von meiner Schwester.

Mein Tag beginnt mit einem halben Brötchen, einem Kaffee und der Tageszeitung. Pflegerische und medizinische Verrichtungen gehören zum Alltag dazu, ebenso Telefonate mit Freunden. Wenn meine Familie kommt, spielen wir Doppelkopf. Mein Enkel bringt ab und an Sushi mit, dann speisen wir gemeinsam. Ich kann bestimmen, zu welchen Tageszeiten ich essen möchte. Abends lese ich, schaue einen Film oder eine Talkshow.

Mit großer Dankbarkeit erfüllen mich auch die Besuche meiner ehrenamtlichen Besucherin. Sie bietet mir die Möglichkeit für Ausfahrten. Sie begleitet mich zum Friseur oder wir gehen auf den Markt. In der Weihnachtszeit gönnten wir uns Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt. In dieser Zeit gab es auch Angebote des Hospizes, wie gemeinsames Basteln und Backen. Ich erinnere mich, wie wir uns auf die Suche nach einem alten Rezept von Mandelküsschen machten.“

„Als Theologin habe ich mich schon immer mit dem Lebensende beschäftigt und auch viele Menschen in den Tod begleitet. Dies führte mich zuvor schon zweimal hierher. So wusste ich, dieses ist ein offenes Haus mit guten Zimmern. Auch das Konzept gefiel mir. Als meine Onkologin mir sagte, dass ich mich mit dem Gedanken an den Abschied auseinandersetzen müsse, schaute ich mir das Hospiz ein drittes Mal an. Dieses Mal um zu überlegen, hier selber einzuziehen.

Zuhause habe ich einen Stab von Freunden, die immer für mich da sind und von denen ich mich 100% umsorgt fühle. So einen Freundeskreis kann man nicht bezahlen! Auch der Pflegedienst und die ärztliche Versorgung waren gut.

Als ich den Anruf bekam, ich könne ins Hospiz einziehen, war dies im ersten Moment also ein Schock für mich! Ganz viele Fragen bewegten mich: Komme ich je wieder lebend aus dem Hospiz raus? Wie wird meine Zukunft aussehen? Muss ich vor dem Einzug noch etwas erledigen? Bin ich kurz vor dem Sterben?

Doch es war mir wichtig rechtzeitig hier herzukommen. Meine Familie lebt im Emsland. Und hier weiß ich, dass immer jemand da ist, der mir hilft. Ich muss nur klingeln. Und die Mitarbeiter geben mir das Gefühl, dass es ihnen allen gut geht und dass ihnen das Helfen nicht zu viel wird. Dafür bin ich voller Dankbarkeit!

Vielleicht ist das hier mein Abschiedsort, doch noch bin ich mit dem Ziel hier eingezogen, wieder auf die Beine zu kommen! Ich heiße Mechthild, was mächtige Kämpferin bedeutet. Und wenn meine Kräfte es eines Tages wieder zulassen, ziehe ich aus, zurück in meine Wohnung. Manches, was mir besonders viel bedeutet, habe ich hierher mitgenommen: Meine Engel, meine Gitarre und meine Ikonen. In der Gemeinde Angebote für Kinder und ältere Menschen zu machen, ist „mein Ding“! Da ist meine Gitarre immer dabei.

Hier werde ich als Gast bezeichnet, meine Freunde sind auch Gäste des Hauses. Meine Besucher sind erstaunt, „was sind die hier alle nett!“ sagen sie mir und erzählen, dass ihnen Kaffee und Kuchen angeboten worden ist. Aus den Besuchen im Krankenhaus kennen die das nicht. Meine Freunde kommen mich hier also gerne besuchen. Auch sie erleben, wie herzlich und offen die Mitarbeiter sind. Die Mitarbeiter lassen uns spüren, wir sind willkommene Gäste!“

„Ich denke sehr gerne an das Ehepaar B zurück! Es ist ein riesiger Schritt, ins stationäre Hospiz einzuziehen. Auch Frau B war beim Einzug skeptisch, das ist normal. Sie wusste ja nicht, was auf sie zukommen würde. Zudem war sie fast vollständig gelähmt und bei der leichtesten Bewegung schmerzgeplagt.

Deswegen wollte sie sich zunächst gar nicht von uns lagern lassen. Wir haben ihren Wunsch akzeptiert, obwohl das aus pflegerischer Sicht schwierig war. Zuhause hatte ihr Ehemann sie ja mehrere Jahre allein gepflegt. Das Ehepaar war also ein eingespieltes Team. Er wusste, wie er seine Frau anfassen konnte, so dass sie keine Schmerzen haben würde. Herr B hat uns dann in der Pflege seiner Frau angelernt. Wir haben das genauso übernommen. Dass wir bereit waren, von ihm zu lernen, fand er toll! Und ihr hat es ganz viel Sicherheit gegeben zu erleben, dass wir ihre Wünsche umsetzen. Das hat sie ganz oft zu uns gesagt. Und auch, dass sie nie gedacht hätte, dass sie sich so schnell wohl und geborgen bei uns fühlen würde.

Sie konnte sich 100 % auf ihren Mann verlassen. Nun wusste sie, dass auch wir für sie da sind und wir ihre Entscheidung akzeptieren würden. Das Mehr an Sicherheit hat dazu geführt, dass sie die Kraft hatte, jeden Moment zu genießen. All ihre Kraft hat sie für das Zusammensein mit ihrem Mann gesammelt, denn seine Anwesenheit war ihr Schönstes. „Ich möchte, wenn er da ist, wach sein und mich möglichst gut fühlen, weil ich die gemeinsame Zeit mit ihm unglaublich genieße“ hat sie immer wieder gesagt.

Dieses Zimmer war immer erfüllt von Dankbarkeit, Humor und so viel guter Energie. Es war schön und kraftgebend für die Arbeit, die Verbindung zwischen den beiden miterleben zu dürfen. In der Begegnung mit ihnen durften wir erleben, wieviel Liebe man jemandem schenken kann. Und auch, dass man in dieser Liebe das Sterben gemeinsam durchstehen kann.

„Durch den schwankenden Gesundheitszustand meines Mannes war ich in den letzten Monaten in permanenter Alarmbereitschaft und extremen Gefühlsschwankungen ausgesetzt. An den Tagen, an denen es meinem Mann gut ging, dachte ich „es ist nur ein böser Traum, er ist gar nicht schwer krank, die Ärzte haben sich geirrt. Wir können wieder Pläne machen!“ An anderen Tagen dachte ich, „jetzt macht er sich auf den Weg…“.

Bei gesundheitlichen Krisen habe ich mich immer gefragt „Mache ich alles richtig?“. Die Unsicherheit war ein enormer Druck für mich. Zudem wuchs der Zuwendungsbedarf stetig und Krankenhausaufenthalte folgten. Ich merkte, zuhause geht es absolut nicht mehr! Leider habe ich schon viele Familienangehörige im Krankenhaus verabschieden müssen und als die Ärzte uns rieten in ein Hospiz zu gehen, ahnte ich, dies ist die optimale Lösung! Seit einer Woche sind wir nun zu Gast im Hospiz.

Ich bin überglücklich, dass ich hier sein darf! Hier ist es wundervoll! Endlich kann ich einmal loslassen, ja mich richtig fallen lassen und auch wieder schlafen. Es klingt paradox, doch es fühlt sich für mich an wie „zuhause ankommen“. Es tut mir gut an diesem Ort zu sein, denn ich fühle mich behütet und geborgen. Und ich weiß, mein Mann ist gut umsorgt. Mein Mann spürt wie ich mich entspanne. Auch er hat sich sofort entspannt. Und ich bin erstaunt, wie mein Mann im Hospiz auflebt. Endlich können wir wieder unsere guten Momente gemeinsam genießen!

Meine Alltagsangelegenheiten habe ich nun „abgeschaltet“. All das halte ich von mir fern. Es ist jetzt nicht wichtig. Ich gebe jetzt vor, wann und wen ich zu Besuch haben möchte. Ich bin erstaunt über mich selbst, denn das ist völlig neu für mich! Warum kann ich das?! Aber ich fühle mich hier so sicher. Hier bin ich nicht nur die Ehefrau von einem Patienten, sondern ich selbst bin gemeint. Auch mir soll es gut gehen! Noch muss ich mich daran gewöhnen, aber hier darf ich klingeln und um Unterstützung bitten.

Für meinen Mann gibt es im Hospiz kein „Müssen“. Er ist selbstbestimmt, obwohl er oft nicht mehr sprechen kann. Doch mit seiner Haltung zeigt er, welche pflegerischen Maßnahmen er zulässt und ablehnt und alle richten sich danach. Und unsere Enkel (6 Jahre bis 8 Monate) dürfen ihren Opa hier jederzeit besuchen.“ Anm. Gekürzter Text aus Hospizkultur April 2017

Angehörige im Hospiz heißen zuweilen Mimi, Pussy, Murle und Cleo. Vorstellen möchten wir aber Minka. Minka ist 6 Jahre alt, als sie mit ihrem Herrchen ins Hospiz einzieht. Die beiden sind unzertrennlich, wie man so sagt. Minka ist verschmust und anhänglich. Sie lässt keine Gelegenheit aus, Herrchen ihre Zuneigung zu zeigen. Sie folgt ihm auf Schritt und Tritt.

Doch dann geht es Herrchen schlechter. Schmerzen, innere Unruhe und die vergebliche Suche nach seinem Zuhause lassen ihn durch das Zimmer und die Flure wandern. Minka ist irritiert und verstört. Sie zieht sich zurück. Wenn Herrchen laut wird, hält sie einen großen Sicherheitsabstand ein.

Gut, dass im Hamburger Hospiz mehrere Pflegefachkräfte arbeiten, die durch naturheilkundliche Weiterbildung mit homöopathischen Mitteln umzugehen wissen. Schnell ist so für Minka ein linderndes Mittel gefunden. Und zu aller Freude tut Minkas zunehmende Gelassenheit auch Herrchen gut.

Unter dem Titel "Sylvia und ihr Sterbebegleiter" sendete NDR Info im Juni 2011 einen knapp dreiminütigen Radiobeitrag über die Arbeit eines ehrenamtlichen Hospizlers, den Sie hier noch einmal anhören können.

Erfahrungsberichte Trauer

Moderierte Trauerselbsthilfegruppe: Die Teilnehmerin Inga Harms berichtet

Als ich die Anzeige für eine moderierte Trauerselbsthilfegruppe entdecke, lebt mein Vater noch. Es beruhigt mich, dass es so etwas gibt. Im November, einer tristen Jahreszeit, stirbt mein Vater. Meiner „Tagesordnung“ wie gewohnt zu folgen, ist mir unmöglich. Ich beschließe, zur Trauergruppe zu gehen, dorthin, wo jeder Teilnehmer einen geliebten Menschen verloren hat. Sofort fühle ich mich mit den 10 Teilnehmern wohl. Und während draußen der erste Schnee fällt, zünden wir Kerzen für unsere Verstorbenen an und erzählen.

Es tut mir gut, nicht auf mich allein gestellt zu sein. Und es tut mir gut auf Menschen zu treffen, die meine Gefühle aus eigener Erfahrung kennen. Hier, wo auch andere Menschen schmerzhafte Emotionen zulassen, ist der richtige Ort, meine Tränen fließen zu lassen, zu erzählen und anderen zuzuhören. Denn wo sonst kann ich davon berichten, wie es sich anfühlt, am Grab ein Picknick zu machen oder wie schwer Weihnachten ist und wie taktlos Arbeitskollegen dieses Thema abhaken. Einmal wöchentlich nutze ich die Gelegenheit, bei einer Tasse Tee und Keksen zu weinen, zu reden oder zu schweigen. Frau Gragert, unsere Trauerbegleiterin, schreckt vor dem Thema Tod mit all seinen Facetten nicht zurück. Sie bietet jeden Abend eine Besinnungsübung, ein Gedenkritual und ein Thema für unseren Gedankenaustausch an. Das tut mir gut. Dabei darf alles sein: Fragen ohne Antworten, Bedauern, Wut, Schuld, Vergebung und was in Liebe verbunden hat.

Auch schwierige Fragen bewegen wir: Soll ich die Kleidung des geliebten Menschen aufbewahren oder die Möbel umstellen oder gar wegräumen? Unsere Fragen und Gedanken finden oft kein Ende, doch Frau Gragert achtet auf die Zeit und auch darauf, dass jeder zu Wort kommt. Und sie geht auf Jeden individuell ein. Am Ende jeden Treffens schenkt sie uns Geschichten, Gedichte oder Gedanken, die uns in der kommenden Woche begleiten werden. Nun, ein halbes Jahr später, trifft sich der „harte Kern“ der Gruppe eigenständig, ohne unsere große Stütze Frau Gragert weiter. Die Tränen haben uns zusammen geschweißt. Wir sind sehr vertraut miteinander. Durch den Austausch können wir unsere Gefühle einordnen. Und wir spüren, das Leben wird auch wieder schön. Heute können wir auch mal wieder lächeln, schmunzeln oder lachen. Und vielleicht fällt es irgendwann wieder leicht, tanzen zu gehen, Musik zu hören und richtig Spaß zu haben. Gerade, wenn man dabei an den Verstorbenen denkt, denn vielleicht hätte er/sie jetzt gerade gelächelt oder gelacht?

Anfang des Jahres hatte ich meinen geliebten Mann im Alter von 58 Jahren durch Darmkrebs verloren. Bei Angehörigen, Freunden und Gesprächspartnern fand ich mit meiner Trauer nicht das nötige Verständnis. Erschwerend kam hinzu, dass ich neu in Hamburg war. Ich war sehr allein.

Und plötzlich fiel mir ein Flyer mit dem Titel „Trauer“ in die Hände. Dort hieß es, dass Trauernde nach dem Tod eines geliebten Menschen beim Hamburger Hospiz e.V. Rat, Hilfe und Unterstützung zur Bewältigung der neuen Lebenssituation fänden. Es könne sich dort auch eine Trauergruppe zusammenfinden, die sich nach einem Infoabend 13 Mal wöchentlich unter Anleitung einer Trauerbegleiterin treffen würde. Bei Wunsch könnte sie später als Selbsthilfegruppe weiter existieren. Ich fühlte mich sofort von diesem Angebot angesprochen! Und tatsächlich schlossen sich dann 11 Betroffene zu diesem Trauerseminar zusammen; 10 Frauen und ein mutiger Mann. Neun blieben schließlich dabei. Inzwischen ist ein halbes Jahr vergangen. Wir haben gemeinsam geweint und auch mal zaghaft gelacht. Und wir treffen uns jetzt 14-tägig als Selbsthilfegruppe weiter.

Das Trauerseminar wurde so behutsam, sensibel und tröstend von Frau Joschko geleitet! Ich möchte jedem, der seine Trauerarbeit nicht alleine bewältigen kann, die Empfehlung geben, sich qualifizierte Hilfe vom Hamburger Hospiz e.V. zu holen. Bestenfalls können dort sogar neue Freundschaften entstehen! Wir jedenfalls treffen uns seit einem dreiviertel Jahr immer noch.

Dreimal in jedem Jahr unterstützen wir 8 bis 10 Hinterbliebene dabei, sich in einer Trauerselbsthilfegruppe zusammen zu schließen. Zwei Jahre nach Gruppengründung besuchten uns Maria von der Heid, Anne Saider und Almuth Dickershoff und berichten von ihren Mut machenden Erfahrungen.

WIE war Ihr Weg zur Trauergruppe?

vdH: Den Hinweis, eine Trauergruppe zu besuchen, bekam ich von meiner Ärztin, mit der ich einige Gespräche geführt hatte. AS Durch Zufall las ich von der Gruppe im Wochenblatt. Zu der Zeit spürte ich, dass es für mich in meiner Trauer keinen guten Ort mehr gab. AD Ich war Schulungsteilnehmerin im Kurs “ehrenamtliche Hospizhelfer“. Dort brach plötzlich meine Trauer heftig durch. Ich wusste „ich brauche in meinem Leben einen Raum für meine Trauer. Ich brauche Menschen, die meine Trauer mittragen können!“ Die Kursleitung empfahl mir dann an der nächsten Trauergruppe bei uns im Hamburger Hospiz teilzunehmen.

WIE haben Sie das Kennenzulernen der Gruppe erlebt?

vdH: Ich hatte große Zweifel, ob mir eine Teilnahme helfen würde, denn ich glaubte gar nicht daran, mich dort öffnen zu können. Doch jeder Teilnehmer konnte mit den Themen des anderen etwas anfangen. Alle schienen im gleichen Zustand zu sein. Die Resonanz war hier ganz anders, als im Freundeskreis oder in Gesprächen mit der Ärztin.

AS: Für mich war es damals schwer, jemanden in meinem Umfeld zu finden, der mich versteht. Beim ersten Blick auf die Gruppe dachte ich „Das wird nie etwas! Wir sind doch alle viel zu verschieden!“ Doch die Trauer führte uns sofort zusammen. Hier sprachen wir eine Sprache und wir konnten uns angstfrei begegnen. Gleich nach dem ersten Abend wusste ich „Die Trauergruppe ist mein Ort.“

AD: Mir war sofort klar: Die Trauerbegleiterin, Frau Gragert, ist eine tolle Frau. Auf der anderen Seite sah auch ich, wie unterschiedlich die Gruppenteilnehmer waren. Ich dachte, wie soll das gehen? Die Unterschiedlichkeit in der Gruppe hat mich dann eher beeindruckt und zu der Erkenntnis gebracht: Trauer ist ein universaler Zustand. Das war eine gute, lebensnahe Erkenntnis für mich.

GIBT es einen richtigen Zeitpunkt eine Trauergruppe zu besuchen?

AD: Die Trauerbegleiterin, Frau Gragert, hat unsere Gruppe gut und mit viel Fingerspitzengefühl geleitet. Ich war deshalb schnell Feuer und Flamme für das Angebot. Doch ich sah auch, dass eine Teilnahme seine „richtige“ Zeit braucht, um angenommen werden zu können. Für zwei Teilnehmer stimmte der Zeitpunkt nicht und sie schieden trotz der guten Unterstützung der Gruppe aus.

AS: Am Anfang meiner Trauerzeit war es wichtig für mich, mich zurückzuziehen und in der Trauer zu versinken. Doch ich wünsche jedem, dass er den richtigen Zeitpunkt findet, sich wieder nach außen zu öffnen und sich schließlich Hilfe zu holen! Für mich war die Hinwendung zu der Trauergruppe schließlich mein Rettungsanker!

WAS hat es für Sie bedeutet, an der Trauergruppe teilnehmen zu können?

AS: Für mich passt das Wort Trauergruppe so gar nicht. Es war mein Wohlfühlort. Hier konnte ich mich fallen lassen und so sein wie ich war. Jeder Termin war für mich erhebend und erhellend. Immer bin ich anders, besserrausgegangen, als ich gekommen bin. Ich hatte Sorge, dass ich nicht richtig bin. Hier habe ich gelernt, dass alle meine Gefühle richtig sind und sein dürfen. Trauer ist keine Krankheit, Trauer ist normal! Für mich war diese Erkenntnis wichtig. Auch hatte ich viele Aha-Effekte. Ohne die Anregungen durch die Trauergruppe hätte ich gar nicht gewusst, was mir in meiner Trauer guttun würde. Daneben haben wir aber auch praktische Fragen, zum Beispiel „Was tun mit der Kleidung?“ tabufrei angesprochen. Das hat mir auch gutgetan.

vdH: Wie sich ein so schmerzhafter Verlust wirklich anfühlt, davon hatte ich vor dem Tod meines Mannes keinen blassen Schimmer. Ich mache meinen Freunden keinen Vorwurf, dass mir ihr Trost in dieser schweren Zeit nicht gereicht hat. Für meine Trauer aber brauchte ich gleichfalls Betroffene! NACH drei Monaten im Hamburger Hospiz haben Sie Ihre Gruppe eigenständig, also ohne unsere Moderation fortgeführt. Wie haben Sie diese Zeit gestaltet?

AD: Im Anschluss an die Zeit im Hamburger Hospiz hatten wir keine „Themenabende“ mehr und wir trafen uns auch nicht mehr wöchentlich, sondern einmal im Monat. Wir besuchten uns gegenseitig und lernten jedes Zuhause kennen. Danach verabredeten wir uns, jedes Grab gemeinsam zu besuchen. Das war eine gute Erfahrung! Ja, heute ist die Vertrautheit unter uns groß, doch unsere Trauererfahrungen nehmen weniger und weniger Raum im Gespräch ein. Heute treffen wir uns oft zu Ausflügen oder in einem Café. In letzter Zeit ist die Teilnahme weniger regelmäßig und unsere Verschiedenartigkeit, die uns beim Gruppenauftakt so ins Auge gesprungen ist, wird uns wieder bewusster. Ich wünsche uns, dass wir uns noch lange treffen, doch neuerdings liegt schon ein bisschen etwas von Abschied in der Luft.

WAS würden Sie Hinterbliebenen am liebsten mit auf den Weg geben?

AS: Am Anfang meiner Trauerzeit habe ich mich gefragt, wie wird es in 2 bis 3 Jahren für mich sein? Mich hätte es beruhigt zu wissen, dass es wieder helle Tage in meinem Leben geben wird. So ganz leise haben die sich nämlich in mein Leben zurück geschlichen.

AD: Vor 6 Monaten habe ich einen weiteren Trauerfall erlebt. Der Tod meiner Oma macht mich sehr traurig. Auch wenn ich heute meine Familie habe, die mit mir trauert, ist es gut zu wissen, dass ich jederzeit in eine Trauergruppe gehen könnte. Allein dieses Wissen hilft!

vdH: In diesen zwei Jahren sind wir Gruppenteilnehmerinnen uns sehr nah gekommen. Voneinander zu wissen, was wir erlebt haben und miteinander durch die schwere Zeit gegangen zu sein, verbindet uns Trauernde in großer Tiefe.

Vielen Dank für das Gespräch!

Beklommen und freudig komme ich am 5. März 2016 in der Helenenstraße an. Wie wird das Seminar „Trauer in Form und Farbe“ werden?

Freundlich begrüßt mich Frau Joschko mit Tee und Kaffee. In einem ruhigen, hellen Raum finden wir uns zu sechst an großen Arbeitstischen ein. Viel weißes Papier und Malmaterialien liegen bereit. Frau Joschko erläutert den Seminarverlauf und dann sitzen wir vor unserem ersten weißen Blatt. Schon bei der Aufwärmübung löst sich etwas und ich bin ganz auf diesem Blatt. Doch danach gilt es etwas darzustellen und ich spüre meinen inneren Zensor. Ich male aber los und empfinde einfach nur Freude am Tun.

Die 3. Aufgabe folgt. Sofort spürte ich Widerstände. Und doch kommen mir innere Bilder, die ich aufs Papier bringe. Auf einmal zeigen sich mein Chaos, meine vielfältigen Gefühle und das Erleben des plötzlichen Todes. Meine Farben wirken wie abgeschnitten. Was ich schwer in Worte fassen kann, entsteht da auf dem Blatt: Gefühle, die über –und untereinander liegen, sich gegenseitig durchdringen, widersprüchliche Gefühle, die miteinander verwoben sind. Das sind Dinge, die ich beim Betrachten sehe, nicht beim Tun. Mein Inneres, das nichts mit dem Kopf zu tun hat, ist auf dem Papier. Diese Aufgabe wühlt mich auf, berührt mich und bringt mir neue Erkenntnisse. Dann folgt eine Pause mit gemeinsamem Essen. Wir haben gute, tiefe Gespräche. Jede Trauer ist anders. Verständnis und Mitgefühl sind zwischen uns, obwohl wir uns erst 4 Stunden kennen.

Jede Aufgabe, so auch die nächste, fordert mich heraus. Den Stift in der Hand kommen mir viele Bilder. Die Todesstunde meines Mannes, meine damaligen Gefühle, meine Ängste, der Bruch in meinem Leben, die Liebe und Wärme zu meinem Verstorbenen, meine Suche und Verzweiflung, die innere Unruhe und Desorientierung. Ich malte auch Farben und Formen für meine erwünschte Zukunft, für die Hoffnung, die ich konkret noch nicht fühle. Zum Schluss besprechen wir alle Bilder, so wie es die Teilnehmerinnen möchten.

Ich erlebte eine sehr warme und wohlwollende Atmosphäre. Ich fühlte mich aufgehoben, angenommen und geschützt und bin sehr dankbar, dass ich dieses Seminar erleben darf.

Manchmal passt alles zusammen und es wird eine runde Sache. Die Einladung, an dem eintägigen Seminar „Trauer in Form und Farbe“ teilzunehmen, erreichte mich zum richtigen Zeitpunkt.

Eigentlich hilft mir in allen schweren Lebensphasen und ganz besonders in der Trauer „das Wort“; ausgesprochen, gehört, gelesen und vor allem geschrieben. Wenn man etwas Bewährtes kennt, auf das man zurückgreifen kann, verharrt man manchmal und es fehlt die Bereitschaft Neues auszuprobieren, was schade sein kann. Ich weiß, man kann Gefühle tanzen, singen und eben auch malen. Also habe ich innerlich nicht abgewunken, „ach nö, Malen ist nichts für mich“. Die Anmeldung fiel mir auch leicht, weil ich Frau Joschko und den Hamburger Hospiz e.V. bereits von einer Trauergruppe kannte.

Wie alles im Hamburger Hospiz e.V., ist auch die Bereitstellung von Materialien, wie verschiedenen Papierformaten, Farben, Stiften, Pinseln, den ganzen Kram den man beim Malen benötigt, sehr großzügig. Den Anleitungen von Frau Joschko konnte ich nicht nur gut folgen, ich hatte in keinem Moment das Gefühl nun aber ein präsentables Ergebnis liefern zu müssen. Und es stimmt was in der Einladung stand! Man muss weder malen noch zeichnen können. Das konnte ich mir zunächst schwer vorstellen. Doch Frau Joschko hat eine liebenswürdige Aufmerksamkeit und ist sehr präsent. Ich fand, es trug auch zur guten Atmosphäre bei, dass sie bei uns blieb während wir malten. Abgesehen von diesem persönlichen Einsatz verspürt man im Hospiz insgesamt eine sehr gute, wohltuende Energie.

Ehrlich gesagt, waren meine Bilder dann rührend bis erbarmungswürdig in ihrer Schlichtheit. Aber ich fühlte mich gut beim Malen! Ich konnte mich treiben und den Pinsel fließen lassen und war dann erstaunt im Ergebnis etwas auf dem Papier zu sehen, was ich zuvor mit meinem „inneren Auge“ gesehen hatte. Was das war? Zum Beispiel, dass es im Dunkel der ersten Trauer auch lichte Momente der Zuversicht, der Geborgenheit gab, dass mich die Liebe meiner Toten, alles was sie mir an Aufmerksamkeit und Zuwendung zuteil werden ließen, mich wie ein Schutzmantel umgibt. Es war schön dies - wie bescheiden auch immer - bildlich ausdrücken und darauf blicken zu können.

Wir waren eine kleine Gruppe, es war nur ein Tag. Trotzdem konnten wir in dieser Zeit eine Beziehung zu einander aufbauen. Der Raum, in dem wir malten, war nicht zu groß, nicht zu klein, jede hatte genügend Platz und Licht. Neben dem „Malraum“ hatten wir gleich anschließend einen anderen Raum zur Verfügung, in dem wir Pausen abhielten, etwas zu uns nahmen. Die Küche durften wir auch benutzen und die mitgebrachten Leckereien ergaben ein tolles Buffet. Man hätte meinen können, wir haben uns vorher abgesprochen.
Insgesamt war es ein schöner Tag in angenehmer Gesellschaft, mit neuen Erfahrungen. Ich kann eine Teilnahme nur weiterempfehlen.